Es muss im Leben mehr als alles geben Am 3. Adventsonntag, Lesejahr B

Die Längste und die kürzeste Predigt.

Bischof Reinhold Stecher in Schwierigkeiten

Bischof Reinhold Stecher in Schwierigkeiten

Ein Priester der Behinderten bat Bischof Reinhold Stecher, schwerstbehinderten Kindern die heilige Firmung zu spenden.
„Aber eins muss ich dir sagen, lieber Bischof,“ beschwor ihn der Kaplan, „die Predigt darf nicht länger sein als drei Minuten.“ Das wurde die längste Predigt in der Vorbereitung und die kürzeste in der Aussage.
Bischof Stecher hat sich bei den Vorbereitungen zu den Predigten immer viel Mühe gemacht. Aber diesmal war es zum Verzweifeln. Drei Minuten! Diese Kinder vor ihm und die Eltern. Eine Geschichte geht nicht. Das dauert zu lang.
Stecher kam sich wie ein Radfahrer vor, der mit der größten Übersetzung eine Bergstrecke bewältigen soll. Und dann war es soweit. Die festliche Kapelle, die anderen Kinder spielten in der Orff-Kapelle eine schöne Musik. Und vorn in der ersten Reihe ein paar Firmlinge mit Eltern und Paten.
Statt der Predigt sagte er einfach:
„Liebe Kinder, die Mama und der Papa und die Geschwister und die Tanten haben euch lieb. Und die Schwestern haben euch auch lieb.
Sie wollen euch zeigen, dass sie euch auch gern haben. Dann streicheln sie euch über den Kopf und die Haare und die Wangen, so wie ich es jetzt beim Rudolf und bei der Anita mache. Und bei der heiligen Firmung – da streichelt euch der liebe Gott, weil er euch lieb hat. Wenn ich also mit diesem heiligen Öl ein Kreuzerl auf eure Stirn mache, streichelt euch der liebe Gott.“
Wie er dann zur Firmung hinuntergeht, kommt er zu einem Buben, den die Mutter mühsam in den Armen hält, um die fahrigen Bewegungen des Spastikers einigermaßen im Griff zu haben. Und wie er das Kreuz mit dem heiligen Öl auf die Stirn machen will, verzerrt sich sein Gesichtchen zu einem Lächeln und er gurgelt mühsam hervor:
„Scht-reicheln“
Die Mutter wischt ihm den Mund mit einem Taschentuch ab und gebraucht es gleich nochmal, um ihre Tränen abzuwischen.
Das hätte sie nicht tun müssen, dachte Bischof Stecher. Die Tränen der Mutter eines behinderten Kindes blitzen vor dem Altar viel kostbarer als Brillanten auf dem Bischofskreuz.
Bischof Stecher schreibt in seinem Buch „Heiter-besinnlich rund um den Krummstab“: Wenn dieses Streicheln Gottes über diese wunde Welt nicht wäre, dann hätte ich dieses Büchlein gar nicht zu schreiben gewagt. Denn dann gäb’s wahrhaftig nicht viel Grund zum Fröhlichsein.
Dieser 3. Adventsonntag heißt „Gaudete“. Wir können uns freuen, weil Gott uns voll Liebe streichelt.

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